Der ernsthafte Wille zur Transformation hin zu nachhaltigen Logistikprozessen besteht in der Speditionsund Logistikbranche. Doch Bürokratie steht dem vielfach entgegen. In den vergangenen drei Jahren sind in deutschen Unternehmen rund 325.000 zusätzliche Arbeitsplätze zur Bewältigung administrativer Auflagen entstanden. Einer Studie des ifo-Instituts zufolge kostet die Bürokratie Deutschland jährlich bis zu 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung. Geld und Arbeitskraft, die unter anderem für Innovationen, Investitionen und Qualifizierung fehlen.
Ein erheblicher Teil der Bürokratielast entfällt auf Risikoabschätzungen und Compliance-Pflichten, die sich unter anderem aus dem deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) und der Umsetzung der europäischen Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) ergeben. Diese fordern selbst spezialisierte Rechtsabteilungen und stellen minsbesondere den Mittelstand vor erhebliche Herausforderungen. Auch das CO₂-Grenzausgleichssystem CBAM, das die europäische Industrie daran hindern soll, klimaschädliche mProduktionen ins EU-Ausland zu verlagern, sowie Taxonomie-Regelungen, mit deren Hilfe die Kreditfähigkeit von Unternehmen nach Klimaschutzgesichtspunkten klassifiziert werden soll, tragen erheblich zum Bürokratieaufwuchs bei. In der anhaltenden Wirtschaftskrise belastet diese Regulierungswelle auch die Logistikbranche erheblich.
Die im Grunde nachvollziehbare Intention, unternehmensübergreifende Transparenz in weltumspannenden Lieferketten herzustellen, hat sich in der Praxis zu einer überbordenden Compliance-Kaskade entwickelt. Denn auch Mittelstandsbetriebe werden als Datenlieferanten für ihre Auftraggeber Teil des Berichtssystems – und das, obwohl sie vielfach unterhalb der gesetzlich definierten Schwellenwerte liegen. Jede neue Datenabfrage potenziert sich in den Wertschöpfungsketten (sogenannter Trickle-Down-Effekt). Die EU hat nach massiven Eingaben zahlreicher Wirtschaftsverbände zumindest teilweise auf die Überforderung der Unternehmen reagiert. Mit einem Omnibuspaket haben die Brüsseler Institutionen nach hartem Ringen europäische Gesetze jetzt etwas abgemildert. Die modifizierte CSRD soll nur noch Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern und 450 Millionen Euro Jahresumsatz betreffen. Und von der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) – Deutschland hatte mit dem LkSG die Blaupause geliefert – werden erst ab Mitte 2029 Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro erfasst. Ein Großteil der Logistikbetriebe wird damit formal vom unmittelbaren Anwendungsbereich ausgenommen. Darüber hinaus sollen Dienstleister und Zulieferer, für die die CSRD nicht unmittelbar gilt, gesetzlich von übermäßigen Datenabfragen ihrer Auftraggeber geschützt werden. Anfragen, die über einen freiwilligen Berichtsstandard für KMU hinausgehen, müssen nicht beantwortet werden.
Die Bundesregierung muss deutsches Goldplating jetzt schnellstmöglich beenden und nationales Recht anpassen. Die deutsche Aufsichtsbehörde für die Einhaltung des LkSG, das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrollen (BAFA), hat die Prüfung der jährlich abzugebenden Unternehmensberichte nach eigenen Angaben bereits vorläufig eingestellt.
Ignoriert werden kann das Thema dennoch nicht. Auch wenn der gesetzliche Druck nachlässt, werden viele Logistikkunden, Versicherer und Kreditinstitute in ihren Transparenzerwartungen nicht nachgeben. Mittelständische Speditionshäuser werden mit angepassten Vertragslandschaften, neuen Verhaltenskodizes und steigenden Kundenanfragen zu Menschenrechts- und Nachhaltigkeitsthemen rechnen müssen. Je nach Marktmacht werden Auftraggeber oberhalb der Umsatz- und Beschäftigtenschwellenwerte zur Erfüllung der an sie gerichteten gesetzlichen Auflagen Daten bei ihren Lieferanten und Dienstleistern zu Klimaund Menschenrechtsschutzanstrengungen einfordern.
Völlig neu ist die Selbstverpflichtung zur Einhaltung von Compliance-Regeln in der Logistikkette im Übrigen nicht: Bereits seit 2017 enthalten die Allgemeinen Deutschen Spediteurbedingungen (ADSp) in Ziffer 32 einen Passus, der alle Glieder der Lieferketten zur Beachtung und Einhaltung von ESGBestimmungen (Environmental, Social, Governance) verpflichtet. Es ist vielmehr das exzessive Berichtswesen, das Sorgen bereitet.
Wie gelingt nun der Spagat zwischen echter Nachhaltigkeit und hoher Bürokratielast? Wie können die ESG-Kriterien mit Wirtschaftlichkeitszielen in Einklang gebracht werden? Und wie wird ESG zum strategischen Wettbewerbsvorteil statt zur Ressourcenfalle? ESG muss als Chance gesehen werden, sich am Markt zu positionieren. Doch sie darf kein reines Datensammelprojekt werden, sondern muss Unternehmen befähigen, strategische Mehrwerte aus den Nachhaltigkeitsanstrengungen zu ziehen. Transparenz durch Kennzahlen zu erhalten ist für alle Unternehmen wesentlich und nicht neu – auch für Nachhaltigkeitsstrategien in Logistikunternehmen. Problematisch wird es hingegen, wenn sie eine Datensammlung auf gesetzlichen oder marktseitigen Druck anlegen müssen, um sie in endlose Reportings zu pressen, anstatt sie für eigene Zwecke wirtschaftlich und strategisch verwerten zu können. Dies wird von vielen Unternehmen als Gipfel des Bürokratiewahnsinns empfunden und nicht als Hilfestellung für eine nachhaltige Transformation.
Das Bürokratieparadoxon „effort vs. benefit“ muss aufgelöst und der Wert von Daten verstanden werden. Es braucht koordinierte, zielorientierte Datenerhebungen mit Blick auf die zukünftige Marktpositionierung – leicht gesagt für viele KMU, die unter den gegebenen schlechten Konjunkturdaten einen echten Überlebenskampf führen. Gleichzeitig braucht es eine kollaborative Herangehensweise entlang der Lieferketten. Dies gilt besonders für Auftraggeber. Es bringt wenig, mit Tendern den Druck brutal zu erhöhen und Dienstleister ohne Hilfestellung mit der Forderung nach 100 Prozent Primärdaten zu überfordern. Um den Wildwuchs an firmenspezifischen Einzelerhebungen einzudämmen, sollte auf etablierte freiwillige Berichtsstandards für KMU gesetzt werden.
Die 325.000 Menschen in „Bürokratie-Jobs“ in deutschen Unternehmen werden sich zunächst nicht um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen. Ihre Rolle muss aber anders definiert und gelebt werden: nicht als Bürokratieverwalter, sondern als mehrwertorientierte Transparenzund Daten-Manager. Dann können Unternehmen auch wirtschaftlich profitieren.



