Am 8. März werden die Karten in der Landespolitik neu gemischt. Die Erwartungen an eine neue Landesregierung sind hoch – insbesondere aus Sicht der Wirtschaft. Baden-Württemberg steckt mitten in einer wirtschaftlichen Krise, die längst über eine konjunkturelle Schwäche hinausgeht. Was derzeit zu beobachten ist, ist ein tiefgreifender Strukturbruch. Der dringend notwendige Strukturwandel kommt politisch bislang nur schleppend voran.
LAND DER TÜFTLER – UND TROTZDEM IN DER KRISE
Baden-Württemberg gehört nach wie vor zur internationalen Spitze. Laut Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft zählt der Südwesten weiterhin zu den innovativsten Standorten weltweit – nur Kalifornien und Massachusetts liegen davor. Nirgendwo in Deutschland werden mehr Patente angemeldet, nirgendwo mehr Hightechprodukte exportiert, nirgendwo fließt mehr Geld in Forschung und Entwicklung. Der Südwesten gilt als Heimat besonders vieler sogenannter mittelständischer Hidden Champions. Doch hinter der glänzenden Fassade gerät das Erfolgsmodell zunehmend ins Wanken.
INDUSTRIEARBEITSPLÄTZE UNTER DRUCK
Die Wirtschaftsleistung Baden-Württembergs ist zuletzt gesunken. Besonders alarmierend ist der Verlust industrieller Arbeitsplätze. Nirgendwo in Deutschland gehen derzeit mehr Industriearbeitsplätze verloren. Seit 2019 sind im Südwesten über 50.000 Stellen verschwunden, etwa die Hälfte davon allein im vergangenen Jahr. Besonders betroffen ist die Automobilindustrie. Bei Unternehmen wie Bosch, Mercedes-Benz, ZF oder Mahle könnten bis 2030 allein im Südwesten bis zu 66.000 Stellen wegfallen. „Wir müssen jetzt schnell die richtigen Lösungen finden, um nicht geradewegs nin eine Deindustrialisierung zu laufen“, warnt Oliver Barta, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands nSüdwestmetall. Die Entwicklung sei nkein vorübergehendes Phänomen, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems: Wertschöpfung, Investitionen und Arbeitsplätze drohen dauerhaft verloren zu gehen, wenn der Standort international weiter an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt.
STANDORT UNTER MASSIVEM WETTBEWERBSDRUCK
Die Ursachen dieses Strukturbruchs sind vielschichtig. Der technologische Wandel hin zur Elektromobilität reduziert dauerhaft den Arbeitskräftebedarf. Gleichzeitig verschärfen extrem hohe Energiepreise, eine der höchsten Steuer- und Abgabenlasten weltweit, ausufernde Bürokratiekosten sowie steigende Arbeitskosten bei stagnierender Produktivität den internationalen Wettbewerbsdruck. Hinzu kommen geopolitische Verwerfungen, veränderte Absatzmärkte und wachsende Handelshemmnisse. Zölle belasten das Geschäft, deutsche Produkte – insbesondere Elektrofahrzeuge – verkaufen sich in Übersee nur noch schleppend. Auch im Inland verläuft die Transformation der Flotten deutlich langsamer als politisch erwartet. Vor diesem Hintergrund prüfen immer mehr Unternehmen, Produktion, Forschung oder Entwicklung ins Ausland zu verlagern. 43 Prozent der Industrieunternehmen planen, ihre Fertigung in den kommenden zwei bis drei Jahren ganz oder teilweise aus Deutschland abzuziehen. 35 Prozent erwägen eine Verlagerung von Forschung, 30 Prozent von Entwicklung. Das zeigt eine Befragung von Deloitte und dem Bundesverband der Deutschen Industrie unter Lieferkettenverantwortlichen. Diese Zahlen markieren mehr als eine konjunkturelle Delle. Sie verweisen auf ein tiefer liegendes Problem: Die Stärke des Standorts liegt weiterhin in Forschung und Ideen – doch immer häufiger entsteht daraus keine industrielle Wertschöpfung mehr im Land.
NNOVATIONSSTARK – ABER ZUNEHMEND UMSETZUNGSSCHWACH
Baden-Württemberg ist weiterhin stark in Forschung, Entwicklung und Ideen – doch der Weg von der Innovation zur industriellen Wertschöpfung wird immer steiniger. Besonders deutlich wird das in den klassischen Schlüsselindustrien des Landes, die über Jahrzehnte Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand gesichert haben.
LOGISTIK ALS SEISMOGRAF DER INDUSTRIEKRISE
Die Krise der Industrie trifft die Logistik unmittelbar. Bricht Produktion weg, sinken Transport-, Lager- und Umschlagsvolumina. Viele unserer Mitgliedsunternehmen berichten von zweistelligen Mengenrückgängen, während Netze und Linienverkehre weiter vorgehalten werden müssen. Gleichzeitig steigen die Kosten für Energie, Personal, Versicherungen und Finanzierung. Hohe Bürokratiekosten aus Dokumentations-, IT- und Lieferkettenvorgaben verschärfen den Druck zusätzlich. In diesem Umfeld kommt es bereits vermehrt zu Insolvenzen und Geschäftsaufgaben in der Logistik. Sinkende Volumina treffen auf steigende Kosten, Investitions- und Transformationsspielräume fehlen. Die wirtschaftliche Stabilität der Logistik wird damit zur standortpolitischen Frage – gerät sie ins Wanken, leidet die Versorgung von Industrie, Handel und Bevölkerung.
FACHKRÄFTEMANGEL ALS STRUKTURELLES WACHSTUMSHEMMNIS
Der Fachkräftemangel entwickelt sich damit zu einem ernsthaften Risiko. Aktuell fehlen zwischen 80.000 und 100.000 Lkw-Berufskraftfahrer. Jährlich scheiden rund 30.000 Fahrer altersbedingt aus, während nur etwa 15.000 nachrücken. Besonders die Hürden beim Führerscheinerwerb und bei der Berufskraftfahrerqualifikation halten dringend benötigte Fachkräfte vom deutschen Arbeitsmarkt fern. Zieht die Konjunktur an, drohen spürbare Engpässe in den Lieferketten.
NEUE INDUSTRIEFELDER ALS HOFFNUNGSTRÄGER
Baden-Württemberg bleibt dennoch ein Standort mit Potenzial. Neben der Automobilindustrie entstehen neue Zukunftscluster, darunter die Biotechnologie in Heidelberg, das Luft- und Verteidigungscluster am Bodensee, das Cyber Valley rund um Tübingen sowie der KI-Park IPAI in Heilbronn. Diese Industrien bündeln politischen Willen, Forschung und Fördermittel. Sie stehen jedoch noch am Anfang und können die wegfallende Wertschöpfung aus Automobilindustrie und Maschinenbau kurzfristig nicht ersetzen.
ECONOMY FIRST – ORIENTIERUNG IN EINER NEUEN REALITÄT
Umso wichtiger ist eine klare wirtschaftspolitische Prioritätensetzung. Für die Wirtschaft insgesamt muss wieder gelten: Economy first. Politische Entscheidungen sollten sich an einer einfachen Leitfrage messen lassen: Stärkt ein Vorhaben den produktiven Kern des Standorts – oder belastet es ihn weiter?
ANTRIEBSWENDE MIT AUGENMASS
Eine zentrale Rolle für die weitere Entwicklung unserer Mitgliedsunternehmen spielt die Antriebswende im Straßengüterverkehr. Die Branche ist bereit, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Erforderlich ist jedoch eine Antriebswende mit Augenmaß, die Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz in Balance hält. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Hersteller, sondern vor allem die Flottenbetreiber, die rund 85 Prozent des Güterverkehrs abwickeln. Hohe Fahrzeugpreise, teure Depotinfrastruktur, fehlende Lade- und Tanknetze sowie unsichere und zu hohe Strompreise stellen bei sehr geringen Margen eine Existenzfrage dar. Die Einnahmen aus der CO₂-Maut müssen daher gezielt in die Transformation der Flotten und den Infrastrukturausbau zurückfließen. Technologieoffenheit bleibt entscheidend.
INFRASTRUKTUR IST WIRTSCHAFTSPOLITIK
Der Handlungsbedarf bei der Infrastruktur zieht sich durch alle Verkehrsträger. Auf den Wasserstraßen geraten vor allem die in die Jahre gekommenen Neckarschleusen zunehmend an ihre Grenzen. Auf der Schiene warten ganze Korridore auf eine grundlegende Ertüchtigung – mit direkten Folgen für den Güterverkehr und den kombinierten Verkehr. Besonders kritisch ist die Lage auf der Straße. Der Zustand der Brücken im Land hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Etwa jede zehnte der mehr als 7.000 Brücken in Baden-Württemberg ist sanierungsbedürftig oder muss neu gebaut werden, insgesamt 665 Bauwerke, darunter 90 Spannstahlbrücken an Bundes- und Landesstraßen. Der verbaute Stahl gilt als besonders empfindlich – nicht zuletzt der Einsturz der Carolabrücke in Dresden hat die Risiken nochmals vor Augen geführt. Ein Beispiel mit hoher wirtschaftlicher Bedeutung ist die Otto-Konz-Brücke in Stuttgart, eine zentrale Zufahrt zum Stuttgarter Hafen. Auch in Ulm zeigt sich die Dimension der Aufgabe: Am Blaubeurer Ring müssen zwei Brücken ersetzt werden – die Wallstraßenbrücke durch einen Neubau, die Blaubeurer-Tor-Brücke durch einen Tunnel. Rund 30.000 Fahrzeuge täglich sind betroffen, die Kosten fürdie Erneuerung der B10 belaufen sich auf rund 300 Millionen Euro. Nur wenige Kilometer entfernt wird ein weiteres Großprojekt realisiert, auf das die Branche seit Jahrzehnten wartet: der Albaufstieg der A8 zwischen Mühlhausen und Hohenstadt. Der Autobahnabschnitt zählt zu den ältesten in Deutschland und wird täglich von rund 66.000 Fahrzeugen genutzt. Nach anfänglichen Finanzierungsfragen ist das Projekt inzwischen freigegeben. Der Ausbau soll nicht nur Staus reduzieren, sondern vor allem Planbarkeit, Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit für Industrie und Logistik verbessern. Die Beispiele zeigen: Leistungsfähige Infrastruktur ist keine Branchenfrage. Ohne intakte Straßen, Brücken, Schienen, Wasserstraßen und Energienetze gerät der gesamte Wirtschaftsstandort unter Druck.
FAZIT: STRUKTURBRUCH ÜBERWINDEN – STRUKTURWANDEL GESTALTEN
Baden-Württemberg verfügt weiterhin über enormes Potenzial. Doch die Herausforderungen sind real und strukturell. Erforderlich sind wettbewerbsfähige Energiepreise, geringere Steuer- und Abgabenlasten, ein spürbarer Abbau der Bürokratie und deutlich schnellere Genehmigungsverfahren. Nur wenn es gelingt, den Strukturbruch in einen echten Strukturwandel zu überführen, kann der Südwesten seine industrielle Basis sichern, neue Wertschöpfung aufbauen und langfristig Wohlstand und Arbeitsplätze erhalten.
Was sagen die Verkehrsexperten der Fraktionen? Der VSL hat sie befragt.
1. Wie schaffen/erhalten Sie eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur?
Thomas Dörflinger, CDU:
1_Wir setzen auf Sanierung vor Neubau, schnellere Planungsverfahren und digitale Baustellensteuerung. Straßen und Schienen müssen zuverlässig funktionieren. Wir legen einen besonderen Schwerpunkt auf die Sanierung baufälliger Brücken im Land. Dafür erhöhen wir die Erhaltungsmittel deutlich und kontinuierlich.
Silke Gericke, Grüne:
1_Baden-Württemberg verfügt über ein dichtes und leistungsfähiges Straßennetz. Um Beschränkungen oder Straßensperrungen zu vermeiden, liegt unser Schwerpunkt auf der Sanierung und dem Erhalt vor Ausund Neubauten. Das gilt insbesondere für Brücken. Auf zentralen Achsen – zum Beispiel dem Albaufstieg auf der A8 – braucht es auch Neubau. Das Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur sollte genutzt werden, um auch das Schienennetz für wachsende Güterströme auszubauen.
2_Wie helfen Sie der Branche bei der Antriebswende?
Thomas Dörflinger, CDU:
2_Wir setzen auf Technologieoffenheit statt Ideologie: Batterie, Wasserstoff und E-Fuels müssen gleichberechtigt gefördert werden. Lade- und Tankinfrastruktur werden beschleunigt ausgebaut, damit Speditionen und Unternehmen Investitionssicherheit für klimafreundliche Antriebe haben.
Silke Gericke, Grüne:
2_Um die Klimaschutzziele im Verkehr zu erreichen, soll bis 2030 jede zweite Tonne klimaneutral unterwegs sein. Kombinierte Verkehre mit langen Strecken auf der Schiene tragen dazu bei, weshalb wir die Ausstattung neuer Umschlagszentren unterstützen. Zur Defossilisierung auf der Straße muss die Ladeinfrastruktur für Lkw ausgebaut werden. Mit „BASE BW“ fördert die Landesregierung ein Basisladenetz für öffentliches Laden von E-Lkw.
3_Was ist erforderlich, damit es wieder aufwärts geht?
Thomas Dörflinger, CDU:
3_Wir brauchen mehr Freiraum für Unternehmen, weniger Bürokratie und verlässliche Energiepreise. Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen schneller werden, Innovationen dürfen nicht ausgebremst werden. Arbeit, Leistung und unternehmerischer Mut müssen wieder Vorteile bringen. Bürokratieabbau darf kein Lippenbekenntnis sein. Wir wollen die „1-in-2-out“-Regel konsequent anwenden wie auch „sunset clauses“, also Ablaufklauseln beziehungsweise Befristungen von neuen Regelungen als Mittel einsetzen. Jeder neue Paragraf gehört auf den Prüfstand. Wir setzen auf Digitalisierung, klare Fristen und eine echte Entlastungsagenda.
Silke Gericke, Grüne:
3_Damit es wieder aufwärts geht, braucht Baden-Württemberg Mut und Tatkraft. Wir investieren in Zukunftstechnologien wie KI, Wasserstoff, Batterien und klimaneutrale Mobilität. Wir bauen Bürokratie ab, treiben die Digitalisierung voran und sorgen für eine verlässliche Energieversorgung. Wir gewinnen Fachkräfte, bilden weiter und geben neuen Ideen Raum. So bringen wir unser Land wieder auf Wachstumskurs.






